Katrin McClean

Im Schatten des Geldes

(Auszug)

1
Der Bug schob sich über das Wasser hinaus und schlitzte die Elbe in zwei Hälften. Zu beiden Seiten des Bootes preschte das Wasser dahin, Veronika spürte den harten Schlag der Wellen unterm Kiel. Neben ihr saß Jan Kugelmann, hielt das Steuer in beiden Händen und lachte vor Begeisterung.
Jan war ihr neuer Geliebter. Ein Jazzpianist Anfang vierzig mit kurzem dunklen Haar jenseits einer Halbglatze und gar keinem Haar auf der Brust.
Er war nicht nur schlank, sondern zierlich, das einzig Kräftige an ihm waren seine Arme, muskulös und sehnig, durchtrainiert vom vielen Klavierspielen. Er gab noch einmal Gas, ließ den Motor aufheulen, bis das Boot klang wie ein Formel-1-Rennwagen.
Jetzt fühlst du dich bestimmt sehr männlich, dachte Veronika und behielt es für sich. Das war schließlich nichts, was sie ihrem neuen Geliebten über den Lärm des Motors hinweg ins Ohr brüllen wollte.
Sie hatten sich am Montag im „Hafenbahnhof“ kennengelernt, einer ehemaligen Bahnhofsstation aus der Zeit, als noch Züge den Berg zum Hamburger Hafen hinunterrollten. In der einstigen Wartehalle hielt sich ein Jazzclub über Wasser, während vor seinen Fenstern Bürohäuser aus Baugruben wuchsen und die Sicht auf die Elbe für immer versperrten.
Jan hatte Veronika nach dem Konzert angesprochen. Seine großen Augen und sein blasses Gesicht erinnerten sie an Buster Keaton. Doch als er sagte: „Du bist die einzige Frau, die ich hier nicht kenne, also wer bist du“, klang das eher nach Arnold Schwarzenegger. Veronika empfand sofort Sympathie für diesen Mann, der ihr so ähnlich schien. Schließlich war sie selbst klein und zierlich und musste sich als Polizistin in einem Männerberuf beweisen.
Ihre Körper fingen an, miteinander Freundschaft zu schließen, suchten nach ersten Berührungen, während sie das übliche Gespräch zum Kennenlernen absolvierten – was machst du, woher kommst du, ach, du bist auch nicht in Hamburg geboren. Sie tranken Weißwein, viel zu viel, und viel zu schnell. Sie wollten sich nicht trennen, bis nur noch Eva, die Barfrau, da war und die Stühle hochstellte und Jan und Veronika den stillgelegten Bahnhof verlassen mussten. Aus der Freundschaft zwischen ihren Körpern war Sehnsucht geworden und Jan hatte keine Sekunde gezögert, Veronika zu sich nach Hause einzuladen, zum Kaffee, wie er sagte.
Er bewohnte ein Souterrain-Zimmer in der Palmaille, der Raum war von einem schwarzen Klavier, einem weißen Kleiderschrank und einem weißen Doppelbett ausgefüllt. Herumliegende Hosen, Hemden und Notenhefte verwischten die klare Struktur. Es gab keine andere Sitzgelegenheit als das Bett, und als sie dort einmal saßen, war es nur noch eine Handbewegung bis zu den ersten Zärtlichkeiten. Jan Kugelmann erwies sich als zielstrebiger Liebhaber. Ein Schwarzenegger im Buster-Keaton-Format auch im Bett.
Und am Morgen danach war ihr Gespräch wunderbar frei von den sonst üblichen Verlegenheitsfloskeln. Jan kochte den versprochenen Kaffee und sagte: „Ich weiß zwar nicht, was daraus wird, aber ich weiß schon, dass es sehr schön war.“
Anstelle einer Antwort schrieb Veronika ihre Handynummer auf, verabschiedete sich mit einem Kuss und fuhr zur Arbeit ins Polizeipräsidium. Mit neununddreißig war sie alt genug, um Zukunftsgedanken nach einem One-Night-Stand zu unterbinden, alt genug, um zu wissen, dass Männer, die so schnell zur Sache kamen, eine Bedenkpause im Nachhinein brauchten.
Drei Tage später erhielt sie eine SMS: „Leihe mir am Samstag ein Motorboot aus. Kommst du mit?“
Und jetzt ließ Jan Kugelmann das Boot eines Musikerkollegen durch die Elbe rasen, als hätte sie gesagt, sie könne einen Mann nur lieben, wenn er sie in Höchstgeschwindigkeit ans Meer brächte.
Sie waren in Övelgönne gestartet. Veronika schaute zurück und sah die alten Segelschiffe, die gemütlich im Museumshafen schaukelten. Dahinter ragte das ehemalige Kühlhaus des alten Hafens auf. Tiefkühlware wurde dort längst nicht mehr gelagert. Der riesige Backsteinkubus war zu einem noblen Seniorenwohnheim umgebaut worden. Ein Gerücht behauptete, die Mehrheit der Bewohner seien reiche Witwen, die sich ausschließlich von jungem, männlichem Pflegepersonal betreuen ließen. In der Fantasie mancher Hamburger ging es angeblich heiß her im alten Kühlhaus.
Das Seniorenheim entschwand Veronikas Blick, denn nun düste Jans Motorboot bereits an der Strandperle vorüber, der Mutter aller Hamburger Strandbars. Diesen Kiosk hatte es schon gegeben, als man das Wort Beachclub nur aus dem Ausland kannte.
Die Leute standen bis ins Wasser hinein Schlange. Es war der 21. September, der letzte Sommertag des Jahres, und die Sonne schien, als wollte sie im letzten Moment die unzähligen Regentage der vergangenen Monate wiedergutmachen.
Jan lehnte sich zurück und strahlte Veronika an. „Ist doch geil, oder?“
Seine Stimme war kräftig und tief, und Veronika dachte, dass er seine Bassstimme als Ausgleich zu seinem jungenhaften Körper trainiert haben könnte.
Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, zwei Paar glänzende Augen, die gerade die Liebe wiederentdeckten.
„Guck mal, da drüben sind bestimmt eine Millionen Laptops drin“, rief Jan
über den Lärm hinweg und zeigte auf ein Containerschiff, das den Namen „Hanjin“ auf seiner Bugwand trug und auf der anderen Seite der Elbe lag, dort, wo der Hafen begann. Sechs Containerbrücken waren damit beschäftigt, die Container mit asiatischen Billigprodukten vom Schiff zu heben, sechs Dinosaurier aus Stahl, die in Reih und Glied ihre tonnenschwere Arbeit verrichteten.
Von vorn näherte sich ein weiteres Frachtschiff, das einen Platz zum Entladen brauchte. Es fuhr einem kleinen Lotsenboot hinterher. Veronika dachte an das Bild vom Kamel, das gerade durch ein Nadelöhr ging, als das Motorboot heftig zu schaukeln begann. Vom einfahrenden Frachter breiteten sich immer höhere Wellen aus, sie schlugen gegen das Boot, hoben es empor und ließen es fallen, das Boot stauchte von Welle zu Welle, und der Motor, der sie noch eben wie ein Geschoss über den Wasserspiegel gejagt hatte, ächzte gegen die Kraft des Wassers an. Mit jedem Aufprall spritzten Fontänen ins Boot und bald waren Jan und Veronika völlig durchnässt.
Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, fuhr Jan deutlich langsamer weiter.
„Hast du jetzt Respekt vor dem Fluss bekommen?“, fragte Veronika.
„Es ist ja nicht alles Psychologie“, entgegnete Jan und erklärte, „ich muss meine Bandscheiben schonen.“
In ruhiger Fahrt zogen sie an den weißen Hallen der Airbuswerke vorbei, die links des Flusses lagen. Auf der rechten Seite begann das grüne Panorama von Blankenese, schon bald hatten sie das Treppenviertel im Blick. Zwischen den Bäumen am Berghang leuchteten die alten Kapitänshäuser auf, die über Treppen und Stiegen miteinander verbunden waren, nur unten am Strandweg konnte man einfach geradeaus laufen. Auf der Pilgerstrecke der Ausflugslokale fand gerade die übliche Wochenendprozession statt.
„Da drüben hab ich schon oft gespielt“, erzählte Jan Kugelmann. „Da gibt es wenigstens noch ein paar Familien, die ihr Geld für richtige Musiker ausgeben. Alter hanseatischer Adel eben. Die Kinder engagieren nur noch DJs.“
Veronika dachte an Jans winzige Souterrainwohnung. Er hatte sich seine finanzielle Lage mit Anfang vierzig sicher auch mal anders vorgestellt.
Als hätte Jan Veronikas Gedanken gelesen, gab er jetzt Gas und düste dem idyllischen Panorama mit stolzem Bug davon.
Rechts zogen sie am Leuchtturm von Blankenese vorbei und hatten auch bald Willkomm Höft erreicht, den offiziellen Eingang des Hamburger Hafens. Der Biergarten war voller Gäste, die auf das Eintreffen des nächsten Frachtschiffes warteten, nur um mitzuerleben, wie ein scheppernder Lautsprecher die Nationalhymne seines Herkunftslandes spielte und an einem wackeligen Seil die Hamburger Flagge zum Gruß aufgezogen wurde.
Damit hatten Jan und Veronika die letzte Station der Zivilisation hinter sich gelassen. Veronika genoss den Anblick über die Flusslandschaft. Grüne Elbauen, so weit sie schauen konnte. Sie breitete die Arme aus, spürte den Fahrtwind im kurzen Haar, schrie: „Herrlich.“ Sie war darauf gefasst, dass Jan die Fahrt wieder beschleunigen würde. Jetzt, wo sie das Gefühl von Freiheit regelrecht einatmen konnten, war der beste Moment, um wieder voll durchzustarten, doch es passierte das Gegenteil, Jan bremste ab.
Beinahe lautlos glitten sie am rechten Elbufer entlang, nur getrieben von der starken Strömung, die mit der Ebbe Richtung Meer zog.
Zu ihrer Rechten tat sich ein graugelber Strand auf. Ein dunkler Streifen zeigte die Konturen der letzten Hochwasserwellen. Schaumkronen krochen den feuchten Sand hinauf und fielen wieder träge zurück. Am Ende des Strandes ragte ein Hochspannungsmast ins Blaue, rot und weiß wie ein Leuchtturm lackiert, hielt er die schweren Drahtleitungen, als wären sie nichts weiter als ein paar Striche im Himmel. Die Sonne warf seinen schwarzen Schatten auf eine Wiese. Bis zum Deich zog sich das Grün hinauf, eine Herde Schafe fristete hier ihr Dasein.
Jan tuckerte mit seinem Boot auf die Idylle zu, hinter dem Mast befand sich eine kleine Anlegestelle.
„Was hast du vor?“, fragte Veronika und dachte plötzlich, dass sie Jan Kugelmann eigentlich gar nicht kannte. Alles, was sie von ihm wusste, war, dass er gut Klavier spielen konnte und die Kunst der Liebe mindestens genauso gut, wenn nicht noch besser beherrschte.
„Ich will dir nur was zeigen“, sagte er, stieg aus und machte das Boot an einem Pfosten fest.
Veronika folgte ihm auf den Steg, fand ihr Gleichgewicht nicht sofort, sie schwankte auf den Holzplanken. Jan nahm sie in die Arme. Er drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe, direkt übers Ohr und flüsterte:
„Wir machen eine Pause im Paradies.“
Wovor soll ich mich eigentlich fürchten?, überlegte Veronika. Vergewaltigen kann er mich nicht, dafür schlafe ich viel zu gern mit ihm. Und für einen Raubmord habe ich zu wenig Geld bei mir. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf.
„Was ist los, Veronika?“
„Ach, ich glaube, ich hatte gerade nur einen Anfall von Berufsneurose“, sagte sie.

Jan ging ihr bis zum Ende des Sandstrandes voraus, bis dahin, wo das Schilf begann. Er zog seine Schuhe aus und krempelte die Hosen hoch.
„Wohin willst du denn bloß?“
„Mach dir keine Sorgen, wir sind gleich da.“
Eine Antwort ist das ja nicht gerade, dachte sie, zog trotzdem ihre Sandalen aus und tauchte ihren nackten Fuß in den Schilfboden. Schlamm quoll durch ihre Zehen. Das Brackwasser machte bei jedem Schritt schmatzende Geräusche und ein modriger Geruch strömte vom Boden herauf, das Schilfgras, das ihr bis an die Schultern reichte, schob sie mit den nackten Armen beiseite.
„Nur noch zwei Meter“, versprach Jan und tatsächlich blieb er schon bald wieder stehen und wartete, bis sie neben ihm ankam und das Ziel ihrer Schlicksafari erblickte. Inmitten des Schilfs tat sich ein Stück sonnengetrockneter Sandstrand auf, kaum mehr als fünf Quadratmeter groß. Der Sand war fein und weiß. Es sah aus wie ein Stückchen Karibik, umringt von düsterem Hamburger Schilf. Jan ließ sich nieder und klopfte mit der Handfläche neben sich.
„Na, komm.“
Über die Grasspitzen warf Veronika einen Blick zum Deich, wo ein Wanderweg entlangführte. Vor einem blauen Himmel zogen Ausflügler über den Deichkamm. Sie brauchte nur ein bisschen in die Knie zu gehen, und schon waren die Deichflaneure aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Solange sie nicht aufstanden, würden Jan und sie nicht zu sehen sein. Und stehen wollten sie ja sowieso nicht.
Veronika setzte sich neben Jan. Das also hatte er mit Paradies gemeint, sie konnten sich lieben wie Adam und Eva, nackt, unter freiem Himmel, als wären sie ganz allein auf der Welt. Veronika spürte, wie eine kindliche, diebische Freude in ihr aufkam.
„Woher weißt du eigentlich, dass ich es im Freien ganz besonders gern mag?“, fragte sie.
Anstelle einer Antwort streifte Jan ihr das T-Shirt über den Kopf und legte sich auf den Rücken, den Kopf zum Fluss, als wolle er beim Sex die Wellen hören. Er zog Veronika auf sich. Er griff so entschlossen zu, als wäre ihr Körper ein Klavier, auf dem er ein Jazzstück improvisieren wollte. Sie schloss ihre Augen, seine Handgriffe sprachen immer denselben Text: Ich will dich. Im Spanischen, dachte sie, sind „ich liebe dich“ und „ich will dich“ dasselbe. „Te quiero“, antwortete sie stumm, sie hatte schon verstanden, dass gesprochene Worte ihn störten. „Te quiero, te quiero“, wiederholte sie und spürte, dass die gedachten Worte ihn erreichten, ihn antrieben, seine Hände drangen zielstrebig zu ihrer Mitte vor. Sie schlug die Augen auf, wollte ihn sehen, seinen kahlen Kopf auf dem Sand, der so zart und fragil wirkte, während seine Pianistenhände zupackten, sie küsste seine Schläfen, seine Stirn, ihr Blick glitt über das Schilf hinweg, dann schlossen sich ihre Augen wieder.
Jan zog die Jeans von ihren Hüften. Veronika half ihm, ihre Bewegungen wurden fahrig. Etwas, das sie gerade gesehen hatte, hing in ihrem Gedächtnis fest. Etwas, das sie unmöglich gesehen haben konnte. Das müssen die Hormone sein, dachte sie, oder vielleicht doch schon eine Berufsneurose. Sie musste noch einmal hinschauen, um sich zu vergewissern, dass es ein Hirngespinst war. Sie schlug die Augen auf. Es war immer noch da, sie erstarrte.
Jan bemerkte die Veränderung ihres Körpers sofort, ein Musiker, der auf seine Mitspieler hörte. „Was ist los?“
„Guck doch mal“, ihre Stimme krächzte.
Jan drehte den Kopf in die Richtung, in die sie starrte, dahin, wo das Schilf in Flussrichtung begann.
Aus dem feuchten dunklen Gras ragte eine Hand. Genauer gesagt ein Handrücken, die Fingerkuppen hatten sich in den Sand gedrückt. Die Haut der Finger war verrunzelt und fleckig, ihre Farbe ein Gemisch aus Grau, Blau und schwärzlichem Rot.
...
© Katrin Dorn, 2005